Seiten

Posts mit dem Label Open Data werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Open Data werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Warum wir Open Data in der Kunstgeschichte brauchen!

Naturwissenschaftliche Forschung lebt vom Diskurs - und geteilten Daten 


In den Naturwissenschaften ist es mittlerweile Gang und Gäbe, Forschungsdaten als kollektive Quelle zu nutzen. Insbesondere in Disziplinen wie der Teilchenphysik wäre produktive Forschung ohne Open Data kaum mehr möglich, da die nötigen Experimente schlicht zu kostspielig sind, um von jedem Forschenden wiederholt zu werden. Zudem passiert der eigentliche Teil der Denkarbeit erst, wenn die Experimente bereits beendet sind und die Forschungsdaten vorliegen – schließlich geht es um die Analyse und Bewertung, um das Entwickeln neuer Ideen – weniger darum, wer wie viel Speicherplatz mit Forschungsdaten füllen kann.

Digitale Kunstgeschichte - wenig vertrauenserweckendes Neuland?


In der Kunstgeschichte stehen wir nicht so offensichtlich vor diesem Problem – doch die Tatsache, dass wir „auch gut ohne“ über die Runden kommen, hat die Notwendigkeit einer digitalen, vernetzten Kunstgeschichte bislang in großen Teilen untergraben. Sollen die hart erarbeiteten Früchte der eigentlichen Forschungsarbeit etwa „einfach so“ ins Netz gestellt werden, womöglich noch zur völlig freien Nutzung?!
Hinzukommt, dass wir als Geisteswissenschaftler kaum eigene Forschungsdaten generieren, unser Metier sind vielmehr die Bilder: Bilder, die andere (für uns) gemacht haben, ob Originale oder Reproduktionen. Warum das zum Problem werden kann, weiß jeder, der bereits eine Publikation veröffentlichen wollte. Denn da kommen auf einmal zahlreiche Fragen auf: Wer hält denn nun die Rechte an einem Kunstwerk oder einer Reproduktion davon? Ist es der Künstler? Ist es die Institution, in der sich das Werk befindet? Die Öffentlichkeit, aus deren Geldern diese Institutionen finanziert werden? Oder vielleicht doch der Fotograf, der die Reproduktion angefertigt hat? Darf ich Abbildungen aus digitalen Datenbanken wie Prometheus überhaupt veröffentlichen?

Schon mal von Open Data gehört?


Der aktuelle Prozess der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen gegen die Wikimedia Foundation zeigt ganz deutlich, wie groß hier der Diskussionsbedarf und wie zahlreich die Missverständnisse noch sind. Das Amtsgericht Nürnberg hat die Klage der Stadt Mannheim zurückgewiesen, da das Museum die Gemeinfreiheit des Gemäldes einschränke (Fotografieren ist im Museum verboten) und wertet die Abmahnungen als Versuch, dem abgelaufenen Urheberrecht weiterhin Gültigkeit zu verleihen.

Die Reiss-Engelhorn-Museen schreiben in ihrer ausführlichen Presseerklärung zum Thema:
„Gerade weil das Fertigen der Fotografie mit Steuergeldern finanziert wurde und die Kulturetats immer knapper werden, verlangen wir für gewerbliche oder kommerzielle Nutzungen moderate Gebühren. An uns werden, was die Erfüllung unserer Aufgaben angeht, vom Publikum mit Recht hohe Erwartungen gestellt. Das kostet Geld. Wir halten es daher für nicht verwerflich, wenn wir für kommerzielle Nutzungen unserer Arbeitsergebnisse wenigstens einen Teil der Kosten wieder einspielen möchten. Andere öffentliche Institutionen handhaben dies im Übrigen nicht anders. Es gibt jedenfalls keinen Grundsatz, dass diese nur deswegen, weil sie mit Steuergeldern finanziert sind, ihre Leistungen für jedermann unentgeltlich zu erbringen haben. […] Unsere Gebührenordnung sieht für Internetnutzungen unterschiedslos einen einheitlichen Gebührensatz vor. Es kommt also nicht darauf an, wer die Anfrage stellt und welche Nutzung vorgesehen ist. Für eine zeitlich unbegrenzte Nutzung einer Fotografie im Internet fallen 250,00 EUR an.“ 
Ich kann nachvollziehen, dass insbesondere die kommerzielle Nutzung von Kunstwerken und deren Reproduktionen schwierig ist, zumal die meisten kulturellen Einrichtungen finanziell zu kämpfen haben und die Lizenzgebüren gut brauchen könnten. Aber nach der Argumentation dieser Presseerklärung habe ich mich gefragt, ob sich in Mannheim schon einmal jemand mit Open Data und Gemeinfreiheit beschäftigt hat. Den Verantwortlichen kann ich nur zur Lektüre der Grundsätze der Open Access Foundation raten: Durch öffentliche Gelder subventionierte Forschungsergebnisse sollten der Öffentlichkeit auch wieder frei zugänglich gemacht werden. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, da nach der Veröffentlichung häufig Verlage die Rechte an den Publikationen halten und diese wiederum durch öffentliche Gelder zurückgekauft werden müssen, zum Beispiel von öffentlichen Bibliotheken.

Meines Erachtens sollte dieser Grundsatz nicht nur für wissenschaftliche Publikationen sondern genauso für Bilder gelten, die ja die Forschungsdaten der Kunstgeschichte sind. Insbesondere dann, wenn es sich um gemeinfreie Kunstwerke handelt, sollten qualitativ hochwertige Reproduktionen unter offenen Lizenzen im Internet zu finden sein, ob nun auf Wikimedia oder den jeweiligen Websites der Museen.
Hier geht es nicht nur um Firmen, die lustig bedruckte Kaffeebecher verkaufen möchten, sondern genauso um Forschung und gemeinnützige Projekte wie die Website http://musical-co.net/, ein gemeinnütziges Portal für Kinder und Jugendliche über Musiktheater, die ebenfalls von den Abmahnungen der Stadt Mannheim betroffen war.
Und wie soll gute, produktive Forschung möglich sein, wenn die jeweiligen Originale in Depots schlummern, man im Museum nicht fotografieren darf und keine bezahlbaren hochauflösenden Abbildungen zu bekommen sind?

Vernetzung in der Kunstgeschichte: Wozu das denn?


Ein weiteres Problem, das ich insbesondere für die Forschung sehe, ist die mangelnde Vernetzung der Kunsthistoriker auf digitaler Ebene. Corpora, deren Erarbeitung ein wichtiger Teil der Forschung ist, sind oft nur in den entsprechenden Monografien zu finden. Je nach Alter der Publikationen handelt es sich dabei mitunter lediglich um Schwarzweiß-Abbildungen zweifelhafter Qualität, jedoch sind hier Abbildungen von Werken versammelt, die anderswo nicht zu finden sind. Daher ist es dringend notwendig, wissenschaftliche Datenbanken mit hochauflösendenden Digitalisaten dieser Werke zu erstellen, um diese einem möglichst großen Kreis von Forschenden zugänglich machen zu können, bestenfalls unter einer offenen Lizenz. Fragen, die sich dabei leider immer wieder auftun: Wer kann eine Datenbank erstellen und online verfügbar machen? Und wer bezahlt das - also Software, Server, Arbeitszeit und falls nötig Bildlizenzen?

Ein großer Schritt für die Kunstgeschichte


Erste Schritte in eine offenere Richtung werden auch in der Kunstgeschichte bereits unternommen, ein Beispiel hierfür ist das Portal arthistoricum.net, dessen Publikationsplattform ART-Doc Kunsthistorikern die Möglichkeit bietet, ihre wissenschaftlichen Publikationen für Forschung und Lehre oder aber unter einer freien Lizenz kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das Projekt FONTES, ebenfalls Teil von arthistoricum.net veröffentlicht wiederum kommentierte und bebilderte Volltext-Versionen frühneuzeitlicher Kunstliteratur - ebenfalls ein wichtige Quelle für kunsthistorische Forschung. 
Der Grund für für dem Mangel an Angeboten scheint also nicht die mangelnde Bereitschaft zu sein, in digitale Infrastrukturen zu investieren, sondern vielmehr das Zögern der Autoren und Datengeber . Besonders bei ART-Doc sticht es ins Auge: Ein Großteil der Autoren ist lediglich mit einigen wenigen Publikationen auf der Plattform vertreten, nur selten wird mehr online gestellt. Zudem ist ein Großteil der dort zu findenden Dokumente der Kategorie Artikel/Buchbeitrag zugeordnet. 
Zeigt sich hier das mangelnde Vertrauen der Autoren in diese neue Art des Publizierens? Oder sind hier vielmehr urheberrechtliche Fragen ausschlaggebend (Die Rechte an Monografien halten häufig die jeweiligen Verlage, sodass diese nicht einfach von den Autoren frei veröffentlicht werden können)?

Mittwoch, 4. November 2015

Offene Daten für die Kunstgeschichte

Kunsthistoriker brauchen offene Daten.
Erstens benötigt der Kunsthistoriker Informationen zu seiner Forschung. Das bedeutet zunächst Zugang zu Bibliotheken. Eine auf Kunstgeschichte spezialisierte Metasuchmaschine ist kubikat mit Werken des Kunsthistorisches Instituts Florenz, dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris und der Bibliotheca Hertziana in Rom. Eine allgemeine weltweite Metasuchmaschine ist der Karlsruher Virtuelle Katalog. Interessant sind sicher auch die Such-Tools des Getty. Direkten Zugriff auf digitale Zeitschriftenartikel gibt JStor (mein Favorit). Den Zugang über die LMU-Universitätsbibliothek erhalten Sie via E-Medien-Login (das ist eigentlich das Gegenteil von "offen").
Der Kunsthistoriker denkt visuell. Daher benötigt er Zugang zu Bilddaten. Das Kunsthistorische Institut der LMU hat eine solche Bilddatenbank namens Artemis. Dies ist Teil des verteilten Bildarchivs Prometheus. Eine weitere große Bilddatenbank kunsthistorischer Abbildungen ist Artstore.

Zweitens benötigt der Computer des Kunsthistorikers Informationen. In der nächsten Sitzung geht es um Tabellenkalkulation. Wir verwenden das freie Programm Open Office Calc. Als offene Daten verwenden wir die 120.000 Objekte des MOMA, die Sie auf Github finden (das ist Open Data). Mehr Informationen zu diesem Datensatz finden Sie hier.
Was man mit diesen Daten anstellen kann, zeigt Florian Kräutli in seinem Blog.
Visualisierung der MOMA-Sammlung nach der Zeit. Grün stellt das Medium Fotografie dar
(Florian Kräutli, MoMA on GitHub)

Linked Open Data kann viel mehr. Davon bekommt man einen Eindruck, wenn man sich Wikidata ansieht. Hier ein Beispiel.

Fazit: Hat man Daten, kann man damit selbst viel machen. Mehr entsteht, wenn man sie öffentlich macht: Open Data. Noch mehr, wenn man sie strukturiert und dokumentiert ablegt: Linked Open Data. Was mit Cultural Data möglich ist, zeigt der Kultur-Hackathon "Coding Da Vinci". Das brauchen wir auch für die Kunstgeschichte!

P.S.: Den in der letzten Woche erwähnte Blog von Thorsten Wübbena finden Sie unter hier.

Welche Links habe ich zu diesem Thema noch vergessen? Hinweise und Zusätze bitte unten in die Kommentare. Vielen Dank.